Wollen wir Gemeinschaft? Und wenn ja, welche?

Eine Andacht.

Manche Entwicklungen in unserer Zeit lassen diese Fragen stellen. Es ist nicht mehr selbstverständlich, in einer Gemeinschaft leben zu wollen. Der Megatrend der Individualisierung scheint dagegen zu sprechen. Das autonome „Ich“ wird immer wichtiger, immer mehr Entscheidungen soll ich als Einzelner treffen. Oder führt das nur zu neuen Formen der Gemeinschaft?
Was wir auf jeden Fall erleben, sind neue Formen der Kommunikation. Menschen treten auf neue Weise in Kontakt und vernetzen sich, gerade durch die sozialen Medien im Internet. Das schafft Möglichkeiten, sich auszudrücken und sich zu beteiligen – über weite Entfernungen hinweg.

Doch bei dem, was sich an Kommunikation und Vernetzung entwickelt, kommt noch nicht automatisch die Gemeinschaft heraus, die wir wollen. Wenn sie uns wichtig ist, müssen wir danach fragen, suchen und prüfen.Was soll unser Zusammenleben ausmachen? Was soll mir mit anderen gemeinsam sein?

Wenn ich nicht isoliert sein will, dann muss ich den Blick auch auf die anderen richten. Auf das, was sie wollen und was ihnen wichtig ist. Gemeinschaft braucht Empathie. Das ist eine Grundvoraussetzung für das Zusammenleben: sich in den anderen einfühlen, darauf achten, was er oder sie braucht, um mit mir zusammenleben zu können. Diese Fähigkeit dürfen wir bei aller Kommunikation in unserer Gesellschaft nicht aus dem Blick und aus dem Herzen verlieren.

Auch das scheint nicht selbstverständlich. Manchmal wirkt es, als könnte man Empathie nach Bedarf ein- oder ausschalten, je nachdem, ob es um einen Gleichgesinnten geht, den Mitbürger, den Mitchristen oder den anderen. Aber spätestens, wenn ich es bin, dem kein Mitgefühl gilt, frage ich mich, ob es wirklich ein solches Zusammenleben ist, das ich will. Eine andere Richtung schlägt Paulus ein. In seinem 2. Brief an die Korinther wünscht er einen besonderen „Geist“ der Gemeinschaft. Er schreibt mit seinem letzten Satz: Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Aber was meint Paulus mit diesem Ausdruck? Was macht den Geist einer Gemeinschaft heilig? Es muss ein Geist sein, der lebendig macht, der ein wirkliches Zusammenleben entstehen lässt, eine reißfeste Verbindung untereinander.

Man hat den Heiligen Geist auch „vinculum caritatis“ genannt, ein Band der Liebe. Diesen Geist wirken zu lassen, heißt: das Band entdecken. Da ist etwas, das mich unsichtbar, aber unzerstörbar mit anderen lebendigen Wesen verbindet. Ich stehe in vielfältigen Beziehungen durch die Liebe, die mir wie den anderen geschenkt wird und die wir schenken können. Diese Vernetzung eröffnet und begrenzt, was ich zu anderen sagen oder über sie schreiben kann.

Gemeinschaft kann von daher wachsen und ganz verschieden aussehen – und sich doch auszeichnen durch ein gemeinsames Band.

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